Pfarrerin Christine Liedtke, Gemeindepfarrerin von Schüllar-Wemlighausen, Girkhausen und Bad Berleburg

Suche Frieden und jage ihm nach

Das begonnene Jahr ist wirklich noch sehr jung, gerade einmal wenige Tage alt. Und doch haben wir uns schon ziemlich eingerichtet in ihm. Vieles läuft ja weiter. Alte Sorgen haben wir mitgenommen, alte Verstrickungen bleiben. Die Jahreszahl, die ist neu. Ein paar Erwartungen haben wir. Und sonst? Neu ist die Jahreslosung, die uns mitgegeben wird für das Jahr 2019.

Jahreslosungen, also Bibelworte, die über einem ganzen Jahr stehen, gibt es seit 1930, als der württembergische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller den Parolen der Nationalsozialisten bewusst ein Bibelwort entgegenstellte – damals ein hochpolitischer Akt. Die erste Jahreslosung 1930 lautete: „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht.“, aus dem Römerbrief des Paulus. Seitdem stand jedes Jahr unter einer neuen Jahreslosung.

Die Jahreslosung für 2019 lautet: „Suche Frieden und jage ihm nach.“ (Psalm 34, Vers 15) Suche und jage – wir sind fast an Kinderspiele erinnert, in denen es ums Verstecken und Nachlaufen geht. Lässt sich der Frieden erhaschen, so wie ein Schmetterling vielleicht? Ist er flüchtig, so dass ich ihm nachstellen muss? Ist er nie ganz da, sondern immer nur vorläufig vorhanden? Muss ich ihn suchen, damit er zutage tritt? Wie gelingt der Friede? Die Verse im Umfeld der Jahreslosung geben einen Hinweis: Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach! (Psalm 34,14+15)

Das heißt für uns heute: Zunge und Lippen im Zaum halten, damit sie nicht Fake-News verbreiten, es bedeutet, üble Nachrede zu vermeiden, aber auch: Bösem Gerede ins Wort zu fallen und üblen Hasstiraden kein Ohr zu leihen. Den Frieden suchen kann heißen, unter zerstrittenen Kollegen den ersten Schritt zur Versöhnung zu gehen, in der verstummten Familie nach jahrelangem Schweigen den ersten vorsichtigen Kontakt zu knüpfen. Frieden ist nicht einfach da. Er braucht vollen Einsatz. Wir wissen es doch, dass der Friede auf dem Spiel steht, wenn wir nicht nachgeben, verzeihen, einmal den Kürzeren ziehen oder ein Wagnis eingehen können. Frieden ist nicht selbstverständlich. Auf der Jugendseite „Mediacampus“ dieser Zeitung konnten wir lesen, dass eine Wunsch-Schlagzeile der jungen Menschen für das neue Jahr ist: „74 Jahre keinen Krieg – das ist fantastisch!“ Ja, Frieden ist ein großartiges Geschenk, er ist zerbrechlich, wie uns Kämpfe, kriegerische Auseinandersetzungen und Krisen im- mer wieder deutlich machen, er ist kostbar und er braucht unser Mit-Tun. Darum sind in der Jahreslosung gleich zwei Verben mit ihm verbunden: suchen und jagen. Lassen Sie uns den Frieden finden und erhaschen, immer wieder neu!

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Jahreslosung im Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen