Hauptsache gesund?

Hat es Sie schon erwischt? Oder sind Sie noch unbeschadet durch die Grippewelle gekommen? Seit ein paar Tagen hat die „echte Grippe“ Nordrhein-Westfalen erfasst und sorgt auch in Wittgenstein für übervolle Arztpraxen.

„Hauptsache gesund“ wird als Aussage ohnehin häufig gebraucht, aktuell aber noch viele Male mehr bekräftigt. Der Wunsch ist verständlich und nachvollziehbar. Denn wer kennt sie nicht, die Sorgen um das eigene Leben oder das Wohlergehen der Angehörigen, das Leid, das eine Erkrankung für eine ganze Familie bringen kann – und die Dankbarkeit für Heilung und Gesundwerden. Natürlich ist jeder froh, ohne Erkältung, Grippe oder ähnlichem über den Winter zu kommen. Wenn die eigene Kraft und Laune nicht durch Unwohlsein oder Krankheit beeinträchtigt sind, ist das einfach gut.

Gesundheit ist ein hoher Wert – zweifelsohne, aber: Hauptsache gesund? Wirklich Hauptsache? Ich glaube das nicht. Und ich mag diesen Satz nicht. Zum einen ist schon ganz allgemein in Frage zu stellen, ob der Wert der Gesundheit wirklich höher einzustufen ist als etwa der von Frieden oder Freiheit. Zum anderen wäre doch der Wunsch viel angemessener, dass man mit den eigenen kleinen und großen gesundheitlichen Einschränkungen erfüllt leben kann. Denn was ist Gesundheit und wer ist schon ganz gesund? Und wenn es nur die Sehschwäche ist, die man seit Jahrzehnten hat.

Und schließlich ist dieser Satz für mich ein Hinweis auf die Religion unserer Zeit, die da heißt: Gesundheit, Wellness, Fitness. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, sagt Luther in der Auslegung des ersten Gebotes. Um jedem Missverständnis vorzubeugen, betone ich gleich, dass uns gerade unser Glaube eine große Verantwortung dem eigenen Körper gegenüber gibt.

Zudem haben sich Menschen in der Nachfolge Jesu immer schon den Kranken zugewandt und sich für deren Heilung eingesetzt, um im Kampf gegen Krankheit Spuren Gottes aufzuzeigen. Aber die Reihenfolge ist dabei eine andere. Das „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes“ steht über dem „Hauptsache gesund“. Für die Umdrehung der Reihenfolge gibt es einen interessanten gesellschaftlichen Marker: Menschen verbringen mehr Zeit in Fitness- und Gesundheitszentren als in Gottesdiensten oder mit der eigenen Gebetszeit. Wenn der Glaube an das ewige Leben verschütt geht, muss alle Erfüllung natürlich schon hier auf Erden gefunden werden. So kann man den Tod zwar nicht besiegen, aber vielleicht wenigstens ein paar Jährchen hinausschieben. Wenn schon keine Ewigkeit, dann doch ein möglichst langes und bitte auch beschwerdefreies Leben.

Die Begriffe Heil und Heilung werden dabei schnell verwechselt. Heilsein ist mehr als körperliche Unversehrtheit. Der Sieg über den Tod besteht nicht in seiner Hinauszögerung, sondern darin, dass Gott in Jesus ihn endgültig überwunden hat. Nicht an Leiden und Tod vorbei, sondern durch sie hindurch ist er auferstanden, um uns ewiges Leben zu schenken. Daran denken wir als Kirchen in der Passionszeit, in der wir uns gerade befinden. Das ewige Leben reicht in unser jetziges hinein und zeigt sich als ein erfülltes Leben mit aller Verantwortung und Dankbarkeit für die Gabe und Aufgabe Gesundheit. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen mit oder ohne Schnupfnase eine erfüllte Woche.

Claudia Latzel-Binder, Pfarrerin in Bad Berleburg