Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Bad Berleburg

Zur evangelischen Kirchengemeinde Bad Berleburg gehören die Stadtgemeinde Bad Berleburg und die Ortsgemeinde Schüllar-Wemlighausen.
Seit etwa 1820 ist die Kirchengemeinde uniert, d.h. das  reformatorische und lutherische Glaubens-Bekenntnis, der bis dahin eigenständigen Gemeinden, wurde, wie in den meisten Kirchenkreisen des preussischen Staates  unter König Friedrich Wilhelm III zu einem  Bekenntnis, dem unierten,  vereinigt. Damit gab es nur die Evangelische Gemeinde. Ab 1971 wurde  der Stadt der Status eines Bades zuerkannt. Damit wurde auch die Kirchengemeinde in Evangelische Kirchengemeinde Bad Berleburg umbenannt.
Hinter der heutigen Kirchengemeinde liegt eine lange Geschichte, mit Ereignissen, die in dieser Form einzigartig waren und die die Menschen und das Gemeindeleben nachhaltig beeinflusst haben.


Von der  Reformation zum unierten Bekenntnis
Der evangelische Glaube, d.h. die Reformation wurde 1534 durch die Gräfin Margarethe von Henneberg, die den Wittgensteiner Grafen Johann heiratete, in Berleburg eingeführt. Seitdem ist die Entwicklung der Kirchengemeinde ganz eng mit dem Grafentum, und ab 1792 Fürstenhaus verflochten. Die Berleburger Kirchengemeinde ist ohne den Adel und d.h. ohne  das Berleburger Schloss nicht denkbar.

Schloss Bad Berleburg
Historische Ansicht Schloss Berleburg

Die Grafen bzw. Fürsten nahmen aktiv  am gemeindlichen Leben teil, sie beriefen und bezahlten die Pfarrer und hatten in allen Bereichen Einfluss auf das gesellschaftliche, ökonomische und  kulturelle Leben. Häufig übten die Grafen bzw. Fürsten die Funktion eines Bischhofs aus. Es bestand wie in ganz Deutschland ein wirtschaftliches Abhängigkeitsverhältnis, bei dem die Bürger, vor allem die bäuerliche Bevölkerung, nachweislich teilweise bis ins  19. Jahrhundert Leibeigene waren (Beachte Ablösegesetze im 19 Jhd.). 
Die Umsetzung der Reformation, bis sie in den Herzen und Köpfen der Menschen ankam, umfasste einen Zeitraum von ca. 200 Jahren. Viele bedeutsame Adelsherren und Geistliche haben bei diesem Prozess in vorbildlicher Weise mitgewirkt. Es mussten von Anfang an Widerstände bei der Bevölkerung überwunden werden, wobei Rückfälle in alte heidnische Bräuche  oder in katholische Frömmigkeitsformen keine Seltenheit waren.

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    Eine herausragende Zeit, die auch in der Kirchengemeinde nachhaltige Spuren hinterlassen hat, ist die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts unter dem Grafen Casimir und seiner Mutter. Die Grafen von Berleburg und Schwarzenau öffneten die Region für religiös Verfolgte aus ganz Europa. Ein tolerantes Verhalten der Gräfin Hedwig Sophie zu Sayn-Wittgenstein- Berleburg und ab 1712 ihres Sohnes, des Grafen Casimir, erlaubte es vielen Menschen mit unterschied-lichsten Glaubensüberzeugungen sich hier anzusiedeln und ihre Glaubensform zu praktizieren. Diese Menschen wurden später unter dem Sammelbegriff „Radikale Pietisten“ zusammengefasst. Dadurch kamen auch viele bekannte Persönlichkeiten, Gelehrte, gute Handwerker mit speziellem Können und erfahrene Kaufleute, die in Europa weit herumgekommen waren,  in die Berleburger Grafschaften. Auch wenn diese Menschen teilweise ihre eigenen religiösen Versammlungen hatten, so blieb das nicht ohne Einfluss auf die Kirchengemeinde. Sie wurde belebt und der Glaube gewann einen großen Tiefgang.

  • Graf Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg
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    Vor allem der Buchdruck gewann in Berleburg an Bedeutung. Die bedeutsamsten Zeugnisse sind zweifellos die achtbändige  Berleburger Bibel und ein Gesangbuch, das lange in Gebrauch war. Es wurden ca.150 Druckerzeugnisse hier hergestellt. Diese fruchtbare Entwicklung endete mit dem Tod des Grafen Casimir 1742.

  • Achtbändige Berleburger Bibel, Erstdruck zwischen 1726 - 1742

 

Die Jahre  danach können als eine Zeit der Konsolidierung des kirchlichen Lebens betrachtet werden, wobei die markantesten Ereignisse der Zusammenschluss des reformierten und lutherischen  zum unierten Bekenntnis etwa um 1820 nach dem Anschluss Wittgensteins an den preussischen Staat war. Zum anderen ist  der Kirchenneubau von 1859 zu nennen, der nach dem großen Stadtbrand 1825 nötig wurde.

 

 

 

Kirchengeschichtliche Ereignisse im Überblick

  • 1534 Margarethe von Henneberg führt in Berleburg die Reformation ein
  • 1528 - Pfarrer Schalz letzter katholischer und erster evangelischer Pfarrer
    1568 in Berleburg (war zunächst Pfarrer in Raumland)
  • 1555 Erste Kirchenordnung unter Graf Wilhelm dem Älteren
  • 1565 zweite Kirchenordnung
  • 1573 Baubeginn der ersten Berleburger Kirche am Goetheplatz
  • 1576 Einweihung der ersten Kirche
  • 1577- Caspar Olevian auf Einladung Graf Wilhelms des Älteren in Berleburg
    1585 C. Olevian war reformierter Theologe, Lehrer und Gelehrter
  • 1578 Endgültiger Wechsel zum reformierten Glauben, Entfernung der Heiligen-
    bilder und –figuren, Verwendung schlichter Abendmahlstische
  • 1603 Teilung der Grafschaft in Nord und Süd
  • 1632 Erbauung der Totenkirche (später Totenkapelle) auf dem Sengelsberg
  • 1694 - Stellvertretende Regentschaft der Gräfin Hedwig Sophie bis zum
    1712 Regierungsantritt von Graf Casimir
  • 1712 Regentschaft von Graf Casimir, Blütezeit für das religiöse, kulturelle und
    Gesellschaftliche Leben, wirtschaftlicher Aufschwung
    Öffnung der Grafschaften für religiös Verfolgte
  • ab 1726 Druck der achtbändigen Berleburger Bibel, abgeschlossen etwa 1742
  • 1825 großer Stadtbrand, Schließung der Kirche, Gottesdienste finden in der
    Friedhofskapelle statt
  • 1859 Bau der jetzigen Stadtkirche
  • 1934 Das Presbyterium schließt sich der Bekennenden Kirche an
  • Modell Alte Stadtkirche, die Kirche stand bis zum Stadtbrand 1834 am Goetheplatz
    Grundstein der Berleburger Stadtkirche
  • Modell alte Odebornskirche wurde bis ins 15 Jhd. als Kirche genutzt
    Wappen des Fürstenhauses in der Stadtkirche

Pfarrer der ev. Kirchengemeinde Berleburg/Bad Berleburg  im 20. Jahrhundert

1. Pfarrstelle (Stadtgebiet)

  • 1900 – 1933 Johann Georg Hinsberg (ab 1929-1933 Superintendent)
  • 1933 – 1942 Karlfriedrich Müller
  • 1942 – 1966 Friedrich Karl Achinger
  • 1967 – 1990 Herbert Lückhof
  • 1990 – 1997 Heinz – Günter Meister
  • 1997 – 2013 Frank Schröder
  • 2015 -          Christine Liedtke

2. Pfarrstelle (Schüllar-Wemlighausen)

  • 1900 – 1905 Heinrich Jakob Ernst Stenger
  • 1906 – 1926 Paul Koch
  • 1927 – 1932 Otto Pfeil
  • 1932 – 1933 Karlfriedrich Müller
  • 1934 – 1939 Paul Gerhard Konrad Bachmann
  • 1943 – 1950 Otto Kunze
  • 1950 – 1969 Albert Schäfer
  • 1969 – 1977 Otto Kunze
  • 1977 – 1990 Reinhardt Henrich (Superintendent)
  • 1990 – 2000 Detlev Schnell
  • 2003 – 2005 Simone Konrad
  • ab 2011 (Aufhebung der Pfarrstelle)

3. Pfarrstelle Stadtgebiet eingerichtet ab 1948

  • 1947 – 1953 Ernst Dilthey
  • 1953 – 1967 Dr. August Morian
  • 1969 – 1991 Siegfried Lotze
  • 1991 – 1998 Peter Lienenkämper
  • 2000 –          Claudia Latzel – Binder (zunächst 2 Jahre Vakanzvertretung)
Gemeinsam mit seiner Ehefrau Erika besuchte Hans Bachmann im Sommer Bad Berleburg. In seiner Geburtsstadt suchte der pensionierte Pfarrer in Archiven Puzzleteile für ein Lebensbild seines Vaters Paul-Gerhard Bachmann, der von 1934 bis 1939 Pfarrer in der Kirchengemeinde war.

Ein Lebensbild von Paul-Gerhard Bachmann

Sohn suchte in Bad Berleburg Spuren des Wemlighäuser Pfarrers von 1934 bis 1939

In Zwölferreihen wie auf dem Reichsparteitag in Nürnberg komme man nicht in den Himmel, dorthin gelange man nur als Einzelner - das sagte der evangelische Berleburger Pfarrer Paul-Gerhard Bachmann am ersten Advent 1935 in einer Predigt. Das führte dazu, dass das Konsistorium in Münster Post aus Berlin bekam. Der Reichs- und Preußische Minister für die kirchlichen Angelegenheiten schrieb Ende April 1936: „Es ist mir mitgeteilt worden, daß der Pfarrer Bachmann aus Berleburg verschiedene Predigten gehalten hat, die geeignet sind, bei der staatstreu eingestellten Bevölkerung Verärgerung hervorzurufen, und die auch den Eindruck erweckt haben, daß die gesamte SA herabgesetzt werden sollte. Über seine Predigt am 1. Dezember 1935 herrschte unter den Kirchenbesuchern allgemein Empörung, weil sie offensichtlich eine Herabsetzung des Reichsparteitages enthielt. Ich bitte, von dort aus eine Untersuchung einzuleiten und in geeigneter Weise einzugreifen, damit ich nicht gezwungen bin, staatpolizeiliche Maßnahmen zu ergreifen.“
Im Advent 2016 brachte die Post jetzt einen DIN-A4-Umschlag ins Berleburger Haus der Kirche. Sein Absender: Hans Bachmann. Der Sohn von eben jenem Paul-Gerhard Bachmann. Hans Bachmann war im Sommer in Bad Berleburg, besuchte das Archiv der Stadt und des Wittgensteiner Kirchenkreises. Der inzwischen 78-jährige, gebürtige Berleburger, der ebenfalls Pfarrer wurde, wollte sich ein Bild von seinem Vater machen, denn Hans Bachmann war nicht einmal zwei Jahre alt, als sein Vater starb. Und so zeichnete er auf 18 Seiten ein Lebensbild von Paul-Gerhard Bachmann. Dieses war in dem DIN-A4-Umschlag und enthielt auch die Geschichte über die Predigt, die den Nazis nicht gefiel.
Zunächst beleuchtet Hans Bachmann in seiner Arbeit die Dinge, die Paul-Gerhard Bachmann wichtig waren: „Mein Vater, der in einem konservativen, deutsch-national geprägten Elternhaus groß geworden war und der nach dem Abitur bei den Überlegungen seiner Berufswahl zunächst den Offiziersberuf favorisierte, hatte von daher gewiss eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber dem Militär.“ Dennoch habe er sich gegen die zwischenzeitlich angepeilte Übernahme eines Militärpfarramtes entschieden und fasste stattdessen die zweite Berleburger Pfarrstelle ins Auge: „Das Presbyterium nahm seine Bewerbung mit positiver Tendenz entgegen und bat ihn um eine Probepredigt, die er am ersten Adventssonntag 1933 in der Stadtkirche in Berleburg hielt. Am 15.12.1933 erfolgte dann durch das Presbyterium bei einer Enthaltung seine Wahl zum Pfarrer der Berleburger Kirchengemeinde mit der Zuständigkeit für die Landgemeinden in Schüllar und Wemlighausen.“
In seinen Ausführungen geht Hans Bachmann auf das weitere Leben seines Vaters in Berleburg ein. Auch die Ermittlungs-Ergebnisse, die das Konsistorium nach Berlin meldete, zitiert der Sohn: „Im vorliegenden Fall haben wir Pfarrer Bachmann zum Ausdruck gebracht, dass die Fassung seiner Predigt auch bei seiner Darstellung ungeschickt gewesen ist; dass sie staatsfeindlichen Charakter gehabt hat, vermögen wir nach dem Bericht des Pfarrers, der uns mündlich von dem Vorsitzenden des Presbyteriums als zutreffend bestätigt ist, nicht festzustellen.“ Und Hans Bachmann ist froh über diese Rückendeckung für seinen Vater: „Vor allem war die Drohung staatspolizeilicher Maßnahmen gegen ihn aus der Welt, die möglicherweise Ausweisung, Haftstrafe oder äußerstenfalls sogar KZ hätten bedeuten können.“
Und dennoch machte sich Paul-Gerhard Bachmann am 21. Juli 1939 auf den Weg in den Hunsrück, um an der Beisetzung von Pastor Paul Schneider, dem Prediger von Buchenwald, teilzunehmen. Dieser war in dem Konzentrationslager eines gewaltsamen Todes gestorben. Sechseinhalb Wochen später war auch Paul-Gerhard Bachmann tot. Der 33-Jährige wurde zu einer militärischen Übung beordert. Bei einem längeren Fußmarsch in der Sommerhitze und mit voller Kampfesausrüstung erlitt er einen Zusammenbruch und starb tags drauf am 29. August - drei Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.
Hans Bachmanns Schlussfazit fällt in dem Lebensbild von seinem Vater Paul-Gerhard Bachmann eindeutig aus: „Durch die Einsichtnahme und die Auswertung der Archivunterlagen, die mir zur Verfügung standen, hat sich für mich ein doch recht deutliches Bild meines Vaters ergeben. Vor allem habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Theologische Erklärung von Barmen aus dem Jahre 1934 mit ihrem eindeutigen Bekenntnis zur Heiligen Schrift als der einzigen Quelle religiöser Offenbarungen sein Denken und Handeln stark bestimmt hat. Dadurch hatten die Pfarrer der Bekennenden Kirche gerade in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus während des Kirchenkampfes einen klaren theologischen Standort.“