Fasten bedeuted verzichten

Nach den närrischen Tagen beginnt die Fastenzeit: die sieben Wochen, in denen sich christliche Menschen auf den Leidensweg von Jesus Christus besinnen, der ihn zum Kreuz und in den Tod führte. Ich weiß, dass es im überwiegend katholischen Sauerland noch viele Kinder gibt, die in der Fastenzeit auf Süßes verzichten. Zu Karneval laufen sie durch die Nachbarschaft und lassen sich Süßigkeiten zustecken; was nicht bis Aschermittwoch gegessen ist, wird weggeschlossen bis Ostern. Das verdient meinen höchsten Respekt. Ich weiß von Christen, die in dieser Zeit auf Alkohol verzichten oder auf die Zigaretten. Einzelne verzichten auf das Fernsehen oder reduzieren die Zeit am Computer.

Ich frage mich: Was könnte für mich ein gutes Fasten sein? Ich halte inne: Gerade produziere ich Wörter. In meinem Alltag rede ich viel, auch schreibe ich Kurznachrichten. Vielleicht wäre es sinnvoll, mal ganz besonders auf meine Worte zu achten? Ich weiß doch, wie viel Macht die Wörter haben! Sie können trösten und aufrichten; aber auch zerstören und vernichten. Und, einmal ausgesprochen, können sie nie wirklich zurückgenommen werden. So wie es die Geschichte zeigt, in der ein tratschsüchtiger Mensch, der seine boshaften Worte reuevoll zurücknehmen möchte, vom Richter aufgefordert wird, sein Federkissen in der Dorfmitte zu entleeren; dann soll er gehen und alle Federn wieder einsammeln. „Wie soll das gehen?“, fragt er ratlos, „Der Wind hat sie doch in alle Richtungen verstreut!“ „Genau so“ antwortet der Richter, „ist es auch mit deinen niederträchtigen Äußerungen: sie sind weitergetragen worden und können nicht mehr zurückgenommen werden.“

Die Zeitungen berichten, wie Schüler ihre Mitschüler im Unterricht und in sozialen Netzwerken mobben, verleumden, bloßstellen und damit aufs Grausamste quälen. Wir hören von verbalen Ausschreitungen in Geschäften, bei Ärzten, auf Elternsprechtagen und bei anderen Gelegenheiten, wo Mensch auf Mensch trifft, wir können sie lesen in den digitalen Räumen im Internet, wo die Anonymität zu noch größeren Niederträchtigkeiten führt.

Wie wäre es, wenn wenigstens wir selbst bis Ostern auf böse und herabwürdigende Äußerungen verzichten würden?! Solche Äußerungen machen wir sowieso nicht? Dann ist es ja ein leichter Verzicht! Dann können wir noch eins „draufsatteln“: wir können, wie Luther es einmal ausdrückte, „alles zum Besten kehren“: den Nächsten entschuldigen, Gutes von ihm denken und ihn vor Anderen in Schutz nehmen. Wenn Jede und Jeder von uns so das boshafte Geschwätz, das leichtfertige Abwerten, das niederschmetternde Urteilen bis Ostern „wegschließt“, dann wäre das ein Fasten, das unser Miteinander für diese sieben Wochen grundlegend verändern müsste. Oder?

Christine Liedtke, Pfarrerin Bad Berleburg, Schüllar-Wemlighausen und Girkhausen