Pfarrerin Claudia Latzel-Binder

Passionszeit vor dem Fest des Lebens

Fundstücke beim morgendlichen Lesen: Aus den Tagesnachrichten beschäftigt mich ein längerer Bericht über die Dürre in Ostafrika und das dadurch bereits eingesetzte Viehsterben und den Hunger der Bevölkerung. In einem Andachtsbuch begegnet mir kurz darauf der Spruch von Blaise Pascal: „Da die Menschen unfähig waren, Tod, Elend, Unwissenheit zu überwinden, sind sie, um glücklich zu sein, übereingekommen, nicht daran zu denken“. Das sitzt. Übereinkommen, nicht daran zu denken. Zerstreuung durch kollektives Verdrängen. Das beschreibt für mich genau das aktuelle Zeitempfinden.Es ist Frühling mit schon einer ganzen Reihe von warmen Tagen. Die Vorgärten blühen und man selbst kann wieder draußen manchem Hobby nachgehen. Wunderbar. Das Kirchenjahr aber kommt dazu quer mit der Passionszeit und ab morgen, dem Palmsonntag, mit der folgenden Karwoche, in der wir Christinnen und Christen in besonderer Weise an das Leiden und Sterben Jesu denken. Ach, das will so gar nicht passen und stört. Besser einfach nicht daran denken, scheint eine probate Umgangsweise. Da wundert es auch nicht, dass diese Woche zum Beispiel in der Werbung des örtlichen Baumarktes als Osterwoche bezeichnet wird. Das Nachdenken über und das Andenken an den leidenden Christus passt einfach nicht in die Stimmung dieser Tage von frischem Grün in den Gärten. Genauso wenig wie die Bilder der vertrockneten Landschaften aus Somalia, Sudan oder Kenia. Darüber nachzudenken birgt die Unbequemlichkeit, sich mit dem eigenen Anteil daran auseinandersetzen zu müssen und die Erkenntnis zu ertragen, dass wir ja sehr wohl etwas dagegen tun könnten. Die Passionszeit ist unbequem und stört! Aber ich lerne zunehmend, das Kirchenjahr als eine Tradition voller Weisheit zu betrachten. Der Weg zum zentralsten Fest der Christenheit geht eben bewusst den langen Weg von sieben Wochen Passionszeit mit der intensiven Karwoche mit Gründonnerstag als Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, mit Karfreitag und dem Gedenken an seine Kreuzigung und seinen Tod und dann dem Karsamstag mit dem Aushalten der Grabesruhe. Erst nach dem Durchschreiten der Passionszeit feiern wir Ostern, das Fest des Lebens, die Feier der Auferstehung. Wir feiern die unverwüstliche Lebendigkeit und die nicht kleinzukriegende Menschenliebe unseres Gottes. Und weil das Leben bei Gott auf Ewigkeit gewonnen hat, berührt es auch alle Begrenzungen unserer Zeit und Welt. Gott ist in seiner Weltleidenschaft wirklich erstaunlich. Er schaut nicht an dem Schweren des Lebens vorbei. Er macht es vielmehr zu seiner eigenen Sache und geht selbst hinein, um es zu tragen. In der Nachfolge Jesu heißt das für mich von Ostern her: Pascal hat Recht. Wir Menschen sind tatsächlich unfähig, den Tod zu überwinden. Aber Gott hat es getan. Deswegen können wir hinsehen, wo Elend oder Unwissenheit das Leben hier auf Erden klein machen. Im Wissen um die Auferstehung können wir hinsehen ohne die Hoffnung aufzugeben, können glücklich sein ohne zu verdrängen. Wir können Blumen pflanzen und uns an den Frühlingsgärten erfreuen. Und genauso können wir dafür sorgen, dass diese Erde eine ist, auf der Menschen an allen Orten leben können. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine gesegnete Karwoche.

Claudia Latzel-Binder, Pfarrerin

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Hauptsache gesund?

Hat es Sie schon erwischt? Oder sind Sie noch unbeschadet durch die Grippewelle gekommen? Seit ein paar Tagen hat die „echte Grippe“ Nordrhein-Westfalen erfasst und sorgt auch in Wittgenstein für übervolle Arztpraxen.

„Hauptsache gesund“ wird als Aussage ohnehin häufig gebraucht, aktuell aber noch viele Male mehr bekräftigt. Der Wunsch ist verständlich und nachvollziehbar. Denn wer kennt sie nicht, die Sorgen um das eigene Leben oder das Wohlergehen der Angehörigen, das Leid, das eine Erkrankung für eine ganze Familie bringen kann – und die Dankbarkeit für Heilung und Gesundwerden. Natürlich ist jeder froh, ohne Erkältung, Grippe oder ähnlichem über den Winter zu kommen. Wenn die eigene Kraft und Laune nicht durch Unwohlsein oder Krankheit beeinträchtigt sind, ist das einfach gut.

Gesundheit ist ein hoher Wert – zweifelsohne, aber: Hauptsache gesund? Wirklich Hauptsache? Ich glaube das nicht. Und ich mag diesen Satz nicht. Zum einen ist schon ganz allgemein in Frage zu stellen, ob der Wert der Gesundheit wirklich höher einzustufen ist als etwa der von Frieden oder Freiheit. Zum anderen wäre doch der Wunsch viel angemessener, dass man mit den eigenen kleinen und großen gesundheitlichen Einschränkungen erfüllt leben kann. Denn was ist Gesundheit und wer ist schon ganz gesund? Und wenn es nur die Sehschwäche ist, die man seit Jahrzehnten hat.

Und schließlich ist dieser Satz für mich ein Hinweis auf die Religion unserer Zeit, die da heißt: Gesundheit, Wellness, Fitness. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, sagt Luther in der Auslegung des ersten Gebotes. Um jedem Missverständnis vorzubeugen, betone ich gleich, dass uns gerade unser Glaube eine große Verantwortung dem eigenen Körper gegenüber gibt.

Zudem haben sich Menschen in der Nachfolge Jesu immer schon den Kranken zugewandt und sich für deren Heilung eingesetzt, um im Kampf gegen Krankheit Spuren Gottes aufzuzeigen. Aber die Reihenfolge ist dabei eine andere. Das „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes“ steht über dem „Hauptsache gesund“. Für die Umdrehung der Reihenfolge gibt es einen interessanten gesellschaftlichen Marker: Menschen verbringen mehr Zeit in Fitness- und Gesundheitszentren als in Gottesdiensten oder mit der eigenen Gebetszeit. Wenn der Glaube an das ewige Leben verschütt geht, muss alle Erfüllung natürlich schon hier auf Erden gefunden werden. So kann man den Tod zwar nicht besiegen, aber vielleicht wenigstens ein paar Jährchen hinausschieben. Wenn schon keine Ewigkeit, dann doch ein möglichst langes und bitte auch beschwerdefreies Leben.

Die Begriffe Heil und Heilung werden dabei schnell verwechselt. Heilsein ist mehr als körperliche Unversehrtheit. Der Sieg über den Tod besteht nicht in seiner Hinauszögerung, sondern darin, dass Gott in Jesus ihn endgültig überwunden hat. Nicht an Leiden und Tod vorbei, sondern durch sie hindurch ist er auferstanden, um uns ewiges Leben zu schenken. Daran denken wir als Kirchen in der Passionszeit, in der wir uns gerade befinden. Das ewige Leben reicht in unser jetziges hinein und zeigt sich als ein erfülltes Leben mit aller Verantwortung und Dankbarkeit für die Gabe und Aufgabe Gesundheit. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen mit oder ohne Schnupfnase eine erfüllte Woche.

Claudia Latzel-Binder, Pfarrerin in Bad Berleburg

Pfarrerin Christine Liedtke

Angedacht

Angst oder Zuversicht?

Was wünschen wir uns in diesen Tagen? Ein frohes neues Jahr! Ein gutes neues Jahr! Ein gesegnetes neues Jahr! – Ich liebe es, solche Wünsche zu hören und auszusprechen. Dieser Wunsch steckt voller Verheißungen: Da liegen zwölf neue und frische Monate vor mir, die mir – so Gott will! – zugedacht sind, die ich gestalten darf, die von mir erlebt werden wollen, die mich als Person fordern und fördern!

Ein neues Jahr bedeutet für mich auch: Ich darf Neues erleben,  Neues erfahren, neue Seiten an mir und an Anderen entdecken. Insofern liegt das neue Jahr wie  ein Neugeborenes vor mir: Es liegt da ganz ungeschützt, wir hoffen das Beste für es, wissen aber  nicht, wie es sich entwickeln wird. Wir freuen uns auf alles, was in ihm schon da ist und was sich  entfalten will. Es ist ja schon vieles in dem Winzling angelegt: Das neue Jahr fügt sich ja nahtlos an  das alte an. Meine Familie ist da, meine Bekannten und Freunde stehen mir zur Seite, die  Tätigkeit, die mich ausfüllt, beruflich oder ehrenamtlich, ist geblieben, mein Zuhause, mein  gewohntes Umfeld, ich habe ein Dach über dem Kopf, Nahrung und Auskommen – für mich  selbstverständlich, für viele Menschen auf dieser Welt nicht. 

In ganz unterschiedlicher Weise gehen die Menschen – das erlebt man gerade in diesen Tagen  besonders – auf das neue Jahr zu: mit Neugier oder Resignation, mit Angst oder Zuversicht, mit  Freude oder mit Seufzen. 

In diesem Jahr ist viel Skepsis zu hören: Was wird es bringen? Begriffe wie: Probleme der inneren  Sicherheit, Flüchtlingsdrama, Terror, Krisenherde, Trumpismus, EU-Krise, Werteverlust und  Klima-Katastrophe verdunkeln das Gesicht derer, die sie aussprechen, und sind wie dunkle  Wolken über dem neugeborenen Jahr. 

„Wie gut“, so äußern es die lebensweisen Frauen in der Frauenhilfe, „wie gut, dass wir nicht alles  vorher wissen. Wie gut, dass der Mensch das nicht kann: in die Zukunft sehen.“ Sonst, so  überlegen sie weiter, würde der Mensch da auch noch „reinpfuschen“. 

Wie gut auch, dass wir nicht das ganze Jahr auf einmal abhandeln und erleben müssen, sondern  dass wir Schritt für Schritt und Tag für Tag und Stunde für Stunde, ja Augenblick für Augenblick in  dem Jahr leben und uns nur abverlangt wird, diesen Augenblick zu gestalten. Der bietet ja  wahrhaftig Möglichkeiten genug: So oder so reagieren, das oder jenes tun oder lassen, beherzt  handeln oder gelassen abwarten, mir Hilfe holen oder Hilfe anbieten, Gutes tun und Gutes reden,  Augen und Ohren für die Welt um mich herum haben. Wie gut auch, dass wir Christen uns dabei  nicht alleingelassen fühlen: Gott ist da, in jedem Augenblick, er ist an unserer Seite und er hilft uns  bei allem, was das Leben uns abverlangt. 

Die Jahreslosung, ein für das Jahr ausgeloster Bibelvers, darf uns dabei über die zwölf Monate hin  begleiten. In diesem Jahr steht sie im Prophetenbuch des Hesekiel und lautet: „Gott spricht: Ich  schenke euch ein neues Herz und legen einen neuen Geist in euch.“ (Hesekiel 36, 26) 

Wir brauchen ein neues Herz, das ohne Hartherzigkeit sich das Leben zu Herzen gehen lässt, das  barmherzig ist und sich ein Herz nimmt. Wir brauchen einen neuen Geist, der geistvoll und  begeistert das Leben gestaltet, der sich geistreiche Gedanken macht und dem Zeitgeist etwas  entgegen setzen kann. Beides kann und will uns Gott schenken.

Beten wir in den nächsten zwölf  Monaten darum! Gott segne Sie im Jahr 2017! 

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