Dr. Detlef Metz

 Das Weizenkorn als Symbol für die Menschen


Jeder Bauer weiß es, jede Gärtnerin weiß es: Das Samenkorn, das er oder sie in der Hand hat, es muss in die Erde, sonst wird nichts aus ihm. Er und sie weiß: Ich muss es aus der Hand geben, loslassen, ich kann es nicht begleiten, ich muss es freigeben, dem aussetzen, was auf es einwirkt. Ich habe keinen Einfluss mehr auf das Korn, es ist untergegangen. Ich sehe auch nichts mehr, bis – vielleicht? – doch etwas daraus wird. Aber ohne dieses Loslassen, ohne den Verzicht auf ein anderweitiges Konsumieren des Samens wird es keine Frucht, kein neues Leben geben. Es ist eine Realität, der wir uns manchmal nur schwer fügen können, weil wir lieber etwas in der Hand halten und versuchen es krampfhaft festzuhalten, wenn uns irgendetwas es abzuringen versucht. Das Loslassen, das aus der Hand Geben gehört zum Leben. Liebe Menschen, die uns über Jahre und Jahrzehnte begleitet haben, mit denen wir so viel geteilt haben, wir müssen sie irgendwann hergeben, loslassen, ja tatsächlich in die Erde geben. An jedem Grab spreche ich das Wort des Paulus: „Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.“ Die Hoffnung die wir als Christen haben, ist: Gott macht aus dem Leben, das war, etwas Neues. Er macht aus dem gelebten Leben und in Identität mit ihm, nicht an ihm vorbei, das neue, vollkommene Leben. Dieses neue Leben ist die Vollendung des alten, die Versöhnung mit dem, was war. Er gebraucht dazu das alte Leben wie ein Samenkorn, aus dem er die Frucht erstehen lässt, die unvergleichlich viel mehr ist als das Korn, aber doch mit ihm in Verbindung steht, eben im Kern das Gleiche ist. Zuvor aber geschieht jenes nicht leichte Loslassen und Untergehen. Zugleich ist dies Glaubenssache, denn nichts was wir am Grab erfahren, deutet darauf hin, dass es sich wirklich so verhält: dass aus dem alten, gelebten Leben, zu dem der Leichnam untrennbar gehört, tatsächlich etwas Neues wird. Diese Hoffnung des christlichen Glaubens gründet sich darauf, dass dieses Untergehen und neue Auferstehen in Jesus Christus Wirklichkeit geworden ist. Im Wochenspruch aus dem 12. Kapitel des Johannesevangeliums gebraucht Jesus für sich selber das Bild des Samenkorns: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Jesus deutet damit sein Ergehen: Er gibt sich selbst aus der Hand, begibt sich in das Leiden, in die ‚Passion’, ist ganz zur Passivität verurteilt. Er lässt sich niedermachen, wird getötet, von der Welt weg in die Erde gegeben. Das Geheimnis seines Leidens, seines sich Loslassens und Untergehens ist aber, dass dabei ein Mehr entsteht, dass etwas für andere, für viele geschieht. Er als Korn, das stirbt, bleibt nicht allein. Sein Tod ist unser Tod, in dem er sich mit unserer Person identifiziert: mit unserem Leben samt allem, was auf ihm lastet, was einem Menschen die Luft zum Atmen nimmt, was aber auch kein Mensch von sich aus loswerden kann. Der christliche Glaube sagt: Gott selber tritt in seinem Sohn an unsere Stelle. In Jesus nimmt er sich der an ihren Fehlern und Versäumnissen leidenden Menschen an. Er nimmt unser Leben auf sich, nimmt an unserer Schuld und ihren Folgen, Leiden und Tod teil. Gott selber ist unserem Leiden nicht fern, stirbt in ihm – oder wie es der altkirchliche Theologe Kyrill von Alexandrien sagte: „Einer aus der heiligen Trinität hat im Fleisch gelitten“; eine eigentlich ungeheuerliche Formel, die das zweite Konzil von Konstantinopel im Jahre 553 ausdrücklich bejaht hat. Sein Tod ist unser aller Tod. Weil sein Tod Frucht bringt, können wir das Bild vom in die Erde gegebenen Korn, das aufgeht, überhaupt bei unseren Beerdigungen übernehmen. Nicht unser Tod als solcher hat diese Wirkung; er hat keine Erlösungsqualität. Kein menschlicher Tod, kein geduldig ertragenes Leiden, keine Selbstaufopferung, kein Märtyrertod, keine Tötung anderer hat irgendeine Erlösungsbedeutung. Vielmehr stirbt Gottes Sohn selbst als Menschgewordener und so nimmt Gott selbst teil an unseren Toden, leidet mit uns und macht aus dem Tod Jesu das Weizenkorn, das am Ostermorgen aufging. Kompliziert? Ja, aber doch großartig, so großartig, dass sich das niemand ausgedacht hat: Auf einen mitleidenden Gott kommt die menschliche Vernunft nicht, er passt nicht zum erfolgsorientierten menschlichen Geist. Dieser Gott tritt uns und unseren Vorstellungen von ihm vielmehr entgegen, durchkreuzt sie förmlich. Viel Spaß beim Nachdenken und zugleich viel Trost beim inneren Betrachten des Bildes vom Weizenkorn wünscht Ihnen

Dr. Detlef Metz, Pfarrer im Ev. Kirchenkreis Wittgenstein