Ausflug nach Schwabendorf (Bericht von Pfr. Dr. Hollenstein)

Gruppenbild vor der Kirche in Schwabendorf
Empfang vor dem Dorfmuseum
Herr Badouin ist seit Jahren der Vorsitzende des Arbeitskreises für Hugenotten- und Waldensergeschichte Schwabendorf e.V.

Im vergangenen Jahr hielt ich im Frauenabendkreis einen Vortrag über die bewegende Geschichte der französischen Glaubensflüchtlinge, ihren Glaubensmut und ihre Kulturleistung in vielen europäischen Ländern. Hier entstand der Wunsch, sich weiter mit diesem Thema zu beschäftigen und die ehemalige Hugenotten- und Waldenserkolonie in Schwabendorf bei Marburg aufzusuchen.

Frau Schönheit und Frau Wiebelhaus hatten die Fahrt gut vorbereitet. Das Wetter spielte mit und der Bus war voll, als wir in Wunderthausen zustiegen. In Schwabendorf wurden wir von Herrn Gerhard Badouin vor dem Dorfmuseum freundlich empfangen und begrüßt. Herr Badouin ist seit Jahren der Vorsitzende des Arbeitskreises für Hugenotten- und Waldensergeschichte Schwabendorf e.V. und im Laufe seines Vortrags wurde deutlich, mit wie viel Engagement und Herzblut er sich für das Erbe der Väter und Mütter und die hugenottische Geschichte einsetzt.

Sehr anschaulich erzählte er von den Anfängen der „Colonie“. 1685 hob der Sonnenkönig Ludwig XIV des Edikt von Nantes auf. Die Verfolgungen und Repressionen der französischen Protestanten erreichten ihren Höhepunkt. Insgesamt ca. 200 000 Glaubensflüchtlinge, zum Teil ganze Gemeinden mit ihrem Pfarrer, verließen Frankreich und suchten Zuflucht in ganz Europa. Unter den wenigen Gepäckstücken, die man bei den überhasteten Aufbrüchen mitnahm, durfte eins nicht fehlen: die französische Bibel. Der Landgraf Carl von Hessen öffnete mit der „Freyheits- und Begnadigungskonzession“ (1685) sein Land für die hugenottischen Flüchtlinge.

Insgesamt kamen ca. 3800 Colonisten nach Hessen. Da in und um Kassel das Aufnahmevermögen schon bald restlos erschöpft war, musste man sich auch in Oberhessen um Siedlungsplätze bemühen. Und so erklärte sich auch die Stadt Rauschenberg bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. 116 réfugies, insgesamt 32 Familien, die aus der südfranzösischen Provinz Dauphiné stammten, gründeten 1687 auf einer Hutefläche die Colonie „Auf der Schwabe“, aus der sich später Schwabendorf entwickelte. Zu der Gemeinde stießen nach und nach auch einige Nordfranzosen und ein kleiner Anteil von Waldensern.

Nach dem lebendigen Vortrag schloss sich das Kaffeetrinken an, das man wohl besser als gemeinsames Arbeitsessen bezeichnen könnte, denn Herr Badouin hatte mit seinem Vortrag eine Lawine von Fragen ausgelöst, die er jetzt bei Kaffee und Kuchen beantworten musste. Anschließend ging es in das Dorfmuseum, wo wir eine Vorführung an einem Strumpfwirkstuhl sahen. Die Strumpfwirkerei war eins der vielen Handwerke, die die Glaubensflüchtlinge in die neue Heimat mitbrachten. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in der „colonie francaise“ die französische Tradition gepflegt, das heißt, die Unterrichtssprache in der Schule war französisch und auch der Gottesdienst wurde in der alten Muttersprache gehalten.

An vielen Details machte Herr Badouin deutlich, dass die Glaubensflüchtlinge ihre neue Heimat nachhaltig wirtschaftlich, kulturell und gesellschaftlich gefördert und geprägt haben: im Lebensstil und in der Architektur, in der Kleidung  und im Handwerk, in der Sprache und im Speiseplan...Aus der Verfolgungsgeschichte wurde eine Erfolgsgeschichte. Aus dem Glauben gedeutet: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk“ (1. Mose 50,20). Gott ist ein gnädiger Gott, der seine Sache zu einem guten Ende führt, der aus dem Tod zum Leben führt...


Hugenottenkreuz (Quelle: Wikipedia)
Waldenser-Wappen (Quelle: Wikipedia)
Kirche in Schwabendorf (Quelle: Wikipedia)

Schließlich besuchten wir die helle, freundliche Dorfkirche am anderen Ende des Dorfes. Sie stammt nicht aus der Gründungszeit der Colonie, das ursprüngliche Kirchlein musste wegen Baufälligkeit abgerissen werden. In einer kleinen Andacht versuchte ich herauszustellen, dass wir heute von einer „Kirche der Wüste“, der alle Besitztümer bis hin zum Existenzrecht genommen wurden, also einer Kirche am Nullpunkt, nur lernen können. Die Treue Gottes und das tiefe Vertrauen auf den mitwandernden Gott  und sein Wort, das auch in allen Dunkelheiten leuchtet, hielt diese Kirche am Leben und brachte Segen in die Länder, die sie aufnahmen. Wie ein roter Faden durchzieht die Bibel eine auffällige Sympathie mit den Vertriebenen, Fremden, Ausgewiesenen, Heimatlosen...Die Bibel ist ein Buch mit zahlreichen Geschichten mit Menschen auf der Flucht: die Erzväter wie Abraham, die 40jährige Wüstenwanderung und Flucht aus Ägypten, Elia auf der Flucht vor der Königin Isebel, die Familie Jesu auf der Flucht vor Herodes, die Apostel auf Wanderschaft, in Gefängnissen und in Seenot...In diesen Geschichten konnten sich die Hugenotten wiederfinden und hineinbergen, hier fanden sie Trost, Orientierung und Ermahnung. Die Frage nach der Schuld an ihrer furchtbaren Vertreibung haben die Hugenotten stets zurückgewiesen: „Es ist unsere Schuld, unser Unglaube, dass wir solche schrecklichen Leiden ertragen...“, so heißt es in einem ihrer Bekenntnisse. Allerdings gab es auch vereinzelt Vergeltungsschläge der Hugenotten gegen ihre Verfolger. Aber dies entsprach nicht ihrer grundsätzlichen Haltung und ihrem Glauben, dass Gott der Herr der Geschichte ist und allein richten darf. Die bis heute ergreifende Ballade „Füße im Feuer“ von Conrad Ferdinand Meyer stellt diese Einsicht mit Recht ins Zentrum. Mit diesem Gedicht, das ich gemeinsam mit meiner Frau in der Kirche vortrug, schloss unser Besuch in Schwabendorf. Ich bin ganz sicher, dass der Lernpfad, den wir dort betreten haben, noch nicht zu Ende gegangen ist.
                                                                                           
                                                                                                                            Helmut Hollenstein